Wimbledon July 13, 2016 09:18

Einen Tag nach dem Brexit war unsere PR Managerin unterwegs nach London. Das dramatische Wahlergebnis in Großbritannien, wo eine knappe Mehrheit für einen Austritt aus der EU gestimmt hat, war grade erst entschieden. Der Grund für die Reise war dabei zumindest heiterer Natur: Wimbledon, das berühmteste Tennisturnier der Welt:

Genauso wie das Land gespalten vorzufinden war, so war auch der Himmel über England am frühen Morgen mit einer grauen und unentschlossenen Wetterlage versehen. Losgeflogen war ich in die Stadt an der Themse aus einem unterhaltsamen Grund, nun getrübt durch das Ergebnis der Wahl. Ankunft in London, an einem historischem Tag, in einem Land, in dem am Vorabend die Entscheidung für den Brexit gefallen ist, wurde der Gedanke eines geeinten Europas zerstört. Innerhalb einer Stunde Billionen von Pfund vernichtet an den Börsen, die Zukunft der jungen Briten ungewiss. Natürlich hat es in London geregnet, als wir uns völlig unausgeschlafen in aller Frühe um 4:30 Uhr von Central London auf den Weg in das berühmt berüchtigte Dörfchen Wimbledon südwestlich der Stadt aufmachten. Für mich war es irgendwie schon etwas Besonderes an diesen traditionsreichen Ort zu kommen.

1985 war Boris Becker mein erster „Crush“, wie die Engländer sagen würden. Damals war er 17 und gewann Wimbledon zum ersten Mal, ich zählte grade knappe 5 Jahre meines Lebens und dennoch war ich bereits sprachlos und fasziniert, wenn ich diese Spiele im Fernsehen sah.
Was dann kam, teilte die gesamte Familie, das ganze Land. Becker-Spiele vor dem Fernseher waren Pflichttermine.


Boris Becker Wimbledon
(Foto: Rüdiger Schrader. Quelle: dpa)

Die Interviews die er damals etwas unbeholfen gab, die taten meinem Gefühlen keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, denn das war doch einfach nur menschlich für einen Tennisgott. Seitdem war Tennis mein Lieblingssport, zumindest vor dem Fernseher, denn trotz aller Ambitionen, würde ich mich im eigenen Spiel als weitestgehend talentfrei bezeichnen.

Nichts destotrotz war ich nun endlich da, nur noch wenige Stunden vor dem Einlass zu dem berühmtesten Tennisturnier der Welt entfernt und damit quasi kurz vor dem „Wohnzimmer“ von Becker, der den „heiligen“ Rasen des Turniers als sein ebensolches bezeichnet. Wir sitzen im Morgentau und Nebel unter einem Regenschirm in einer Menschenschlange und halten eine Queuing Card in der einen und heißen English Breakfast Tea in der anderen Hand.



Schlange stehen, das haben die Briten scheinbar in Wimbledon perfektioniert.

Das Tennisturnier zieht sein Renommee aus der seit 1868 etablierten Tradition mit ihren zahlreichen Eigentümlichkeiten und Rekorden. Und natürlich folgt nicht nur das Wetter sondern auch das Publikum den Gepflogenheiten, denn die ersten Zelte in der Schlange der Karteninteressenten wurden bereits am Samstag aufgebaut und dass, obwohl der Ticketverkauf erst am Montag begann.
Es ist der erste Tag des Turniers und wir versprechen uns gar noch die Chance, Tickets für den berühmt berüchtigten Center Court zu ergattern. Beckers Schützling und der Weltranglistenerste Novac Djokovic sollte an diesem Tag dort antreten.

Mit einem zögerlichen Vorwärtsbewegen unter der militärischen Anweisung einiger Volontäre, reihen wir uns 5 Stunden lang mit unseren wasserdichten Picknickdecken inmitten der Tradition ein. Diese Wartezeit mag einem lang vorkommen, ist aber laut Aussage meiner Freunde, die bereits im 3. Jahr anreisten, das absolute Minimum. Gegen 09.30 Uhr zeigte sich der erste Regenbogen am Himmel und versprach einen positiven Weiterverlauf des etwas schlaftrunken begonnenen Tages. Sobald wir an der Einlasspforte standen, da überkam es mich, das berühmte Gänsehautgefühl. Das ist wohl auch ein Teil dieser Wimbledon-Tradition.

Die Gänsehaut verschwindet jedoch recht schnell und zwar noch in demselben Atemzug, in dem uns mitgeteilt wird, dass die Centercourt Tickets für diesen Tag bereits vergriffen waren. Sind wir wohl doch nicht früh genug aufgestanden? Trotzdem können wir mit unseren „Ground Court“ Tickets und dem nun auftauchendem Sonnenschein, glücklich das traditionsreiche Gelände betreten.

Bereits um 11 Uhr Vormittags verfolgen wir bereits das erste „Weltklasse“ Tennis. Sabine Lisicki tritt gegen Shelby Rogers (USA) an. Trotz der einmaligen Atmosphäre und unserem unvermeidbaren Schmunzeln über die soldatenhafte Attitüde der Ballmädchen und Jungen, passiert es zwischendurch, dass mir die Augen zufallen und ich von der mittlerweile glühenden Mittagssonne den ersten und einzigen Sonnenbrand in England abbekomme.



   (Sabine Lisicki)

Spiel, Satz und ...Aufwachen! Lisicki hat gewonnen, wir gehen weiter und wollen Erdbeeren essen, auch eine Tradition. Erdbeeren mit Sahne, das gehört zu Wimbledon genauso dazu wie das regnerische Wetter und ein Glas des Nationalgetränks Pimm’s sowie der Spruch „new balls, please“.

Auf der Suche nach den Erdbeeren hören wir das Raunen und die Jubelgeräusche aus dem angrenzenden Centercourt. Da ist sie wieder, die Gänsehaut. So hört es sich also an, wenn Novac Djokovic seinen Gegner James Ward durch Boris Beckers Wohnzimmer jagt.


(The All England Lawn Tennis & Croquet Club)

Einige Nationalgetränke später sehen wir dann noch die letzten Züge des Spiels von Ana Ivanovic (SRB) und Ekaterina Alexandriva (RUS). Obwohl es ein heiliges Gebot der absoluten Ruhe auf den Courts gibt, müssen wir darüber tuscheln, wie es wohl sein muss, als Tennisstar gleichzeitig Spielerfrau eines Fußball Nationalspielers zu sein. Womit wir nun doch noch kurz bei dem Thema Fußball gelandet sind. Ana Ivanovic ist mit Sebastian Schweinsteiger liiert. Jetzt, 2 Wochen später sind wir bereits in dem Wissen darüber, dass sie Wimbledon in der Vorrunde verlassen hat und Schweini ebenfalls mit der Mannschaft im Halbfinale aus der EM ausgeschieden ist. Wahrscheinlich haben sie jetzt endlich wieder Zeit füreinander, zum heiraten zum Beispiel.
Djokovic hat es diesmal auch nicht geschafft und ist vorzeitig aus dem Turnier ausgeschieden. Serena Williams hat dafür am vergangenen Wochenende ihren ersten Matchball gegen Kerber in einen Wimbledon Sieg verwandelt und egalisierte damit Steffi Grafs Benchmark in der Profi Ära. Wenn das nächste Mal so etwas passiert, dann möchte ich dabei sein. Dafür zelte ich dann auch die Nacht davor.

Meinen Freunden musste ich mich ohnehin schon bis zum Lebensende verpflichten jährlich einmal nach Wimbledon zu fahren. Es gibt wahrhaftig Schlimmeres im Leben. Den Austritt von England aus der EU zum Beispiel. Dieser Gedanke kommt dann doch in Form von erneuter Gänsehaut wieder hoch. Überwältigt von einer Welt in Corporate Farben (Lila, Weiß, Grün), die sich in jedem Winkel des Geländes wiederfinden, geht unser persönliches Sommermärchen am frühen Abend in einem Taxi zurück nach London zu Ende.

Ich sitze auf dem Rücksitz begraben unter einer Shoppingbag voller Wimbledon Merchandise Artikeln aus dem Fanshop. Vielleicht können wir ja im Folgejahr eine Royal Tannenbaums  Motto Party machen, bei Boris im Wohnzimmer. Auf jeden Fall habe ich jetzt ein Outfit dafür.

Text: Celia Klaue,

Fotos: Celia Klaue, Miriam Souihi

 

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