Die Floating Piers von Christo June 29, 2016 22:25

Unsere Kreativ-Direktorin Dr. Martina Greiling hatte kürzlich das Glück die Floating Piers des Künstlers Christo am norditalienischen Iseo-See zu besuchen. Die Welt ist seit der Eröffnung am 18. Juni verzaubert von der einzigartigen Stimmung. Dieses einzigartige Erlebnis fasst  O.JACKY´s Kreativchefin in diesem Beitrag zusammen und leutet somit unser neues Blogkonzept ein, jenseits vom Konsum über die schönen Dinge im Leben zu berichten. Viel Freude beim Lesen.

Freitagabend, späte Ankunft auf dem Flughafen Bergamo. Es ist fast Mitternacht, als ich den Mietwagen direkt vor der Tür der kleinen Osteria parke, in der meine Freunde schon seit Stunden auf mich warten. Aus Berlin und Frankfurt waren sie schon am Morgen angekommen und hatten den Tag  in diesem hinreißend schönen Ort verbracht. Alle waren bester Stimmung, wir begrüßten einander herzlich und der Wirt tat mit seinem überschwänglichen "Ciao senora, come stai, tutto bene?“ so, als würden wir uns schon ewig kennen. Schnell stand ein köstliche Flasche Wein auf dem Tisch, Oliven, Salami, Käse und warmes Chiabatta… ach, das dolce vita in Italien, ich liebe es! 

Auf dem Weg ins Hotel schlendern wir vorbei an orange dekorierten Schaufenstern, gleich ob Schuhgeschäft oder Taschenläden - überall wurden die Waren auf orangefarbener Folie präsentiert! Und das hatte einen guten Grund, denn morgen, eine gute halbe Stunde Fahrt von Bergamo entfernt, wird auf dem Lago d´iseo das jüngste Kunstwerk des bulgarisch-amerikanischen Künstlers Christo eröffnet werden, „The floating piers“, ein 3 km langer Ponton, ganz in orangefarbenen Stoff gehüllt, auf dem man über das Wasser wandeln kann, vom Festland bis hin zu zwei kleinen Inseln im See. Das wollten wir sehen, dafür waren wir angereist.

Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig  auf den Weg Richtung Iseosee. Nach anfänglichen Problemen unser Hotel in Iseo zu finden, gestaltete sich auch der Weg nach Sulzano, dem Startpunkt von Christos floating piers, nicht gerade mühelos, denn die Straßen waren weiträumig für den normalen Autoverkehr gesperrt. Wassertaxen gab es keine, an der Rezeption empfahl man uns den Zug zu nehmen. Hoffnungslos überfüllt erinnerte die Bahnfahrt an indische Züge. Der Geräuschpegel war enorm, temperamentvoll italienisch, man schrie und lachte, so laut es ging. Bei der Ankunft in dem kleinen, verschlafenen Ort Sulzano,  der mit dem heutigen Tage Weltruhm erlangt hatte, bekamen wir schon eine Idee davon, welche ungeheure Magnetwirkung von Christo „Floating piers“ ausging. Tausende von Menschen aller Nationen drängelten sich friedlich Richtung Seeufer. 

Dann sah man zwischen all den Menschen die ersten orangen Flecken auf dem See aufleuchten. Und kurze Zeit später betrat ich das Floating pier, zog meine Schuhe aus und lief los.

Das Wetter war phantastisch, trotz aller schlechter Vorhersagen auf den Wetterapps zeigte sich keine Wolke am Himmel. 

Die Wellen hoben den Ponton sanft auf und ab, das Tuch aus Kunstfaser schmeichelte meinen Fußsohlen, ich lief und lief, mal gemeinsam ein Stück mit den Freunden, dann wieder allein, und mehr und mehr drang die Farbe Orange in mein Gemüt ein und verbreitete in mir eine unglaublich gute Laune! 

Ich hatte mich immer gefragt, ob die Werke von Christo und Jeanne Claude nun große Kunst seien. 

Jenseits der Themen wie IS-Terror, Klimakatastrophe, Holocaust, Flüchtlingsströme und fern jeder Gesellschaftskritik ist diese Kunst einfach nur eines: SCHÖN! Reicht das aus um bedeutend zu sein? Ja! Es reicht aus. Gerade jetzt. In dieser Zeit, in der kein Tag ohne Schreckensmeldungen vergeht, ist es eben diese Schönheit, die wie eine Verheißung an eine andere, richtigere Welt mahnt. Christo sagt über seine Kunst, sie sei überflüssig. Auch das macht sie in einem besonderen Masse bedeutend, indem sie in ihrer Schönheit und Überflüssigkeit erinnert an etwas, was nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist: Freiheit als Grundvoraussetzung des künstlerischem Schaffens und Rezipierens! Und in unserem Zeitalter der höchstmöglichen Effizienz scheint es offenbar eine grosse Sehnsucht nach dieser überflüssige Schönheit zu geben. Christo hat mit den Floating Piers einmal wieder eine riesige Menge unterschiedlichster Menschen zusammengebracht (an diesen Tag waren es angeblich 65.000) und sie teilhaben lassen an einer geradezu archaischen Poesie, die über den bloßen Eventcharakter weit hinausgeht.

Es ist ein Spaziergang in der Farbe, die sich unentwegt ändert durch das Tageslicht, je dunkler es wird, desto intensiver leuchtet das Orange, man wähnt sich auf einer riesigen Leinwand von Mark Rothko oder Gotthard Graubner.
Monochromie, die keine ist, weil eine einzige Falte im Stoff allein schon unzählige Schattierungen der Farbe reflektiert. Auf den Kanten leuchtet die Farbe fast weiß, in der Tiefe einer Falte lassen die Schatten sie rot erscheinen. Und so kann man von einem kleinen Tuchausschnitt bis weit über den See das Thema Farbe erleben und sich ganz ihr überlassen. Safran, Eigeld, Kukurma, die Kutten buddhistischer Mönche, Dotterblumen, Apfelsinen, der Vollmond, man schwimmt in Orangensaft, ist wie im Rausch, wird trunken von dieser Farbe, ich bin nicht blau, ich bin orange!

Und all das ist nicht virtuell, nicht digital, alles ist wirklich und echt, inmitten schönster Natur. Im Zeitalter der neuen Medien erinnert diese Kunst an eine andere Zeit, aus der sie gefallen zu sein scheint und in der Mensch sich näher war, als es ihm jetzt noch möglich zu sein scheint. 

Auf dem Rückweg nähert sich ein kleines Fährboot dem Ponton. Ein Raunen geht durch die Menge, die Menschen applaudieren, rufen „Christo, Christo! Grazie!! Bravo!“

Und da tritt der feingliedrige, weißhaarige, 81 jährige Mann an die Reling, hebt scheu seinen Arm, lächelt und winkt! Christo sieht zufrieden aus und es macht nicht den Eindruck, dass dieses Projekt sein letztes gewesen wäre. Seine Frau Jeanne Claude hat einmal gesagt: „Ein großer Künstler setzt sich nicht zur Ruhe, er stirbt einfach.“ 

Hier gibt´s weitere Infos zu dem Projekt.

Text & Fotos: Dr. Martina Greiling

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